• 22.04.2020
  • Corona-Krise

„Gute Schulden, schlechte Schulden“

Im heutigen Rundschreiben erklärt Geschäftsführer Ernst Prost, warum der Staat heute guten Gewissens neue Schulden machen könne, um die Wirtschaft anzukurbeln – anders als noch vor zehn Jahren

Liebe Mitunternehmer !

Vor zehn Jahren bin ich massiv gegen die Staatsverschuldung zu Felde gezogen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich alle möglichen Politiker gegeißelt habe, weil sie nichts außer Schulden machen können. Wieso sage ich gestern also „egal ob eine oder 2 Billionen Euro mehr Schulden, macht doch nix, im Gegenteil, es ist sogar richtig, um die Krise zu bewältigen mehr Schulden aufzunehmen?“ Die Rechnung ist einfach und die Hintergründe für meinen Paradigmenwechsel sind noch einfacher erklärt: Vor gut zehn Jahren waren wir – einfach formuliert – aus meiner Sicht überschuldet. Unser Bruttoinlandsprodukt, die Wirtschaftsleistung Deutschlands betrug 2,5 Billionen Euro. Gesamtschulden hatten wir in dieser Zeit rund und roh 2 Billionen Euro. Daraus errechnet sich eine Schuldenquote von circa 80 %. Die Zinsen, die wir für diese Schulden bezahlen mussten, beliefen sich 2010 auf 33 Milliarden Euro. 2008 waren es sogar circa 40 Milliarden Euro! Dieses Geld fehlte natürlich an anderen Stellen....

Wie sieht es jetzt für letztes Jahr, 2019 aus? Schulden haben wir immer noch rund & roh 2 Billionen Euro. Wir haben zwar ein paar Schulden abgebaut, aber im Grunde genommen ist es derselbe Schuldenstand wie 2010, als man die Schuldenbremse konsequenterweise und richtigerweise eingeführt hat. Aber unser Bruttoinlandsprodukt, die Wirtschaftsleistung Deutschlands hat sich fantastisch nach oben entwickelt und zwar von 2,5 Billionen Euro auf sagenhafte 3,4 Billionen Euro. Folglich ist auch unsere Schuldenquote von 80 % auf nunmehr 60 % gefallen. Zum Vergleich: Die USA haben eine Schuldenquote von 110 % und Japan gar von 240 %.

So, jetzt haben wir also bei weitaus mehr Wirtschaftsleistung immer noch die gleichen Schulden – schon mal nicht schlecht, diese verbesserte Relation. Und wie haben sich unsere Zinszahlungen entwickelt? Es sind ja diese Finanzierungskosten für Kredite, die den Bundeshaushalt jährlich belasten. Wie schon oben geschrieben, haben wir 2008 circa 40 Milliarden Euro an Zinsen bezahlt und 2010 circa 33 Milliarden Euro. Und in 2019? Da waren es nurmehr 12 Milliarden Euro.... Sehr gut! Sehen Sie diesen Doppeleffekt? Schulden-Stillstand (wenn man so will), bei deutlich höherer Wirtschaftskraft! Und die Zinszahlungen dank Niedrig-Zinsen dramatisch nach unten gefahren. Spitze! Im Umkehrschluss bedeutet dies natürlich auch Luft für neue Schulden, die wir unbedingt machen müssen, um diese Krise zu beenden und neuen Aufschwung zu erzeugen. Das Geld kostet doch nichts, wie ich gestern schon schrieb – ja, teilweise haben wir durch die negative Anleiheverzinsung sogar den kuriosen Fall, dass es dem Staat Geld bringt anstatt ihn Geld zu kosten, wenn er Schulden macht, weil die Zinsen für die Anleger negativ sind. Also besser kann man es ja gar nicht mehr haben....

Jetzt noch ein letzter Blick auf die Zinszahlungen und den Bundeshaushalt in den letzten 10 Jahren: Daraus kann man sehen, wie viel des jährlichen Haushalts/Budgets für den Schuldendienst, also für Zinsen drauf gingen. Der Bundeshaushalt vor zehn Jahren betrug circa 320 Milliarden Euro und davon gingen, wie oben beschrieben, 33 Milliarden Euro für Schuld-Zinsen drauf. Der letztjährige Haushalt betrug circa 350 Milliarden Euro, also eine ganze Ecke mehr, aber die Zinsen betrugen nur noch 12 Milliarden Euro!! Also, auch aus diesem Blickwinkel betrachtet, haben wir Luft für investive Staats-Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft. Nicht zum Blödsinn machen, sondern um wieder Fahrt aufzunehmen. Und dafür muss die öffentliche Hand jetzt Geld in die Hand nehmen. Wie gesagt, bei der derzeitigen Zinslandschaft könnten wir es sogar schaffen bei verdoppelten Schulden, von zwei auf vier Billionen Euro, ohne wesentlich höhere Zinszahlungen auszukommen.

Was könnten der Staat und die Wirtschaft mit 2 Billionen Euro alles machen: Brücken sanieren, Schulen modernisieren, das Bildungswesen auf Vordermann bringen, das Gesundheitswesen nach dieser Pandemie stärken, die Energiewende vollziehen und und und. Alles Aufgaben, für die man Geld braucht, die aber auch Arbeitsplätze schaffen und zugleich für die gesamte Gesellschaft und unsere Zukunft Nutzen stiften. Vollbeschäftigung und eine prosperierende Wirtschaft sind im Übrigen zwingend notwendige Voraussetzungen für sprudelnde Steuereinnahmen..... Und das ist es doch, was der Sozialstaat unter anderem auch will – und zum Versorgen aller Bürger und zum Erledigen aller Aufgaben auch dringend braucht.

Ihr

Ernst Prost